Katalogtexte >> Ernst Jünger

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Der aristokratische Blick
Zu Michael Ferwagner's "Ernst Jünger" - Arbeiten

Michael Ferwagner erzählte mir einmal, wie er während eines Museumsbesuches auf das Porträt eines Adligen aus dem 18. Jahrhundert gestossen sei. Auf seinen kostbar verzierten Stock gestützt, habe der ihn hochmütig und von oben herab angesehen, mit der unausgesprochenen Frage, was er denn an Selbstbewusstsein zu bieten habe. Lange sei er vor dem Bild gestanden, das irgendetwas in ihm aufzurühren begann, eine Festigkeit verlangte, ein Standhalten vor einer Präsenz und Ruhe, die ihn mit eigenen Zweifeln, Ängsten und Unruhen konfrontierte. Der Eindruck sei so stark gewesen, dass er später noch einmal zurückkehren musste, gleichsam wie zu einem Magneten oder Pol, um sich neu in den Bannstrahl seiner Herausforderung zu begeben.

Ich musste später an diese Erzählung denken, als ich Ferwagner in seinem merkwürdigen Atelier in Berlin-Friedrichshain besuchte, wo er an Objekten zum Thema "Ernst Jünger" arbeitete. Die Konfrontation mit einem Blick und den Schichten, die sich nach und nach dahinter enthüllen: das schien eine Möglichkeit zu sein, sich bildnerisch mit dieser Jahrhundertfigur auseinanderzusetzen. Am Anfang die Faszination für eine unbekannte Kraft, die sich in einem Blick verbirgt: Neugier, Lust an der Durchdringung der Welt, aber auch das Geheimnis eines erhöhten Standpunktes. Schon als Knabe schaut Jünger ein wenig von "oben herab", später als Offizier ernst, gefasst, gebannt vom Mysterium hinter dem Stirb und Werde. Kühle Blicke, sezierend, konfrontierend, in einer gewissen Distanz verharrend, niemals ausgeliefert wie etwa bei Kafka (mit dem Ferwagner sich auch beschäftigt hat.) Die Arbeit im Atelier als Beschäftigung mit einer solchen Physiognomie, unterbrochen immer wieder durch längere Phasen der Lektüre, durch das Auf-Sich-Wirkenlassen der lebendigen Person in Fernsehinterviews etc. Die Lust daran, einen durchdringenden Blick selber zu durchdringen. Veränderungen der Perspektive, die sich dabei allmählich ergeben: neben dem "Weisen" das Kind, neben der Frische die Müdigkeit, neben der Selbstdisziplin Auflösung und Tod. Gerade jemand wie Jünger, der so straff, unverletzbar und unsterblich scheint, provoziert die Suche nach Zeichen der eigenen Vergänglichkeit. Die Spuren des Aufrauhens, Zerkratzens und Auflösens an Ferwagners Bildern wirken denn auch manchmal wie ein Sich-Abarbeiten an einem Monument, wie die Sehnsucht des Kindes, hinter der Kühle des Vaters Momente des Weichwerdens, Abbröckelns und Wegdämmerns zu finden: Spielkästen statt Gewehre, Zartheiten statt Gefasstheit, bunte Fundstücke statt umgreifende Philosophie. Der Versuch, Nervenfasern zu fassen hinter harten Knochen, Blut hinter gespannter Haut, das erlösende Nachlassen von erdrückender Kraft. So dokumentieren Ferwagners Arbeiten auch, was er sonst noch hinter dem Blick des "Kriegers" und "Jägers" gesehen hat (oder sehen wollte?). Ein Stück Gefangensein inmitten von Souveränität, Tragik hinter Geschlossenheit, Pubertäres neben Abgeklärtem, der Fluch eines langen Lebens neben Jugendfrische. Der Versuch, sich zurechtzufinden im "Wald" eines "Zauberers", sein Monströses mit dem Subtilen in Verbindung zu bringen, einen Menschen hinter einer "Instanz" aufzuspüren.



Rüdiger Sünner

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